24.07.26

Caffè Piccardo in Imperia – ein Kaffeehaus voller Geschichten

Mitten im lebhaften Zentrum von Oneglia, unter den Arkaden der Piazza Dante, liegt ein Café, an dem man nicht einfach vorbeigehen sollte. Das Caffè Pasticceria Piccardo ist weit mehr als eine Bar für den schnellen Espresso. Es ist ein Stück Imperia, ein Ort, an dem seit über 120 Jahren Kaffee getrunken, über Politik diskutiert, Geschäfte besprochen und Geschichten weitergegeben werden.

Schon von außen fällt das Piccardo auf. Dunkles Holz, große Spiegel, Marmor und die goldenen Schriftzüge „Pasticceria“, „Liquoreria“ und „Confetteria“ erinnern an die eleganten Kaffeehäuser einer anderen Zeit. Auch im Inneren ist viel von dieser besonderen Atmosphäre erhalten geblieben. Die historischen Einrichtungen im umbertinischen Stil wurden bei einem Umzug im Jahr 2003 nur wenige Schritte weitergetragen und sorgfältig in die neuen Räume integriert. Seit 2005 gehört das Piccardo offiziell zu den Locali Storici d’Italia, den historischen Gaststätten Italiens.

Seit 1905 ein Treffpunkt in Oneglia

Die Geschichte des Cafés beginnt im Jahr 1905 – zu einer Zeit, als die Stadt Imperia noch gar nicht existierte und Oneglia und Porto Maurizio zwei eigenständige Orte waren. Gegründet wurde das Café von Giacomo Piccardo, der gemeinsam mit seiner Schwester Teresa aus Voltri gekommen war. Aus einem früheren Postcafé entstand zunächst ein moderner, von den eleganten Lokalen Genuas inspirierter Treffpunkt.

Bald wurde das Piccardo zum gesellschaftlichen Wohnzimmer Oneglias. Es galt als das Café der „Signori“, in dem sich Geschäftsleute, Politiker und Intellektuelle trafen. Man erzählt sogar, früher habe man scherzhaft behauptet, eintreten dürfe nur, wer einen Universitätsabschluss besitze. Hier standen eine der ersten öffentlich zugänglichen Telefonanlagen und ein Radio, das die Gäste mit Nachrichten aus der Welt versorgte.

Später gehörten Persönlichkeiten wie der Schriftsteller Italo Calvino, der Komponist Luciano Berio und der aus Ligurien stammende spätere Staatspräsident Sandro Pertini zu den bekannten Gästen des Hauses. Doch die schönste Geschichte des Piccardo hat mit einem Mann auf einem Rennrad zu tun.

Als Fausto Coppi für einen Kaffee vom Rad stieg

Am 19. März 1946 fand die erste Austragung der Mailand–Sanremo nach dem Zweiten Weltkrieg statt. Fausto Coppi, der schon damals zu den größten italienischen Radsportlern gehörte, setzte sich am Passo del Turchino von seinen Verfolgern ab und fuhr einen großen Teil der Strecke allein an der Spitze.

Als er Imperia erreichte, soll sein Vorsprung bereits so groß gewesen sein, dass er sich etwas erlaubte, was während eines Radrennens normalerweise undenkbar wäre: Coppi stieg in Oneglia kurz vom Fahrrad, ging in das Caffè Piccardo und trank einen Espresso.

Danach setzte er sich wieder auf sein Rad und fuhr weiter Richtung Sanremo.

Ob jede Einzelheit dieser Geschichte genauso geschehen ist, lässt sich heute natürlich kaum noch überprüfen. Im Piccardo wird die Episode jedoch seit Generationen erzählt, und sogar ein damaliger Mitarbeiter soll den ungewöhnlichen Besuch später als Zeitzeuge bestätigt haben. Sicher ist, dass Coppi das Rennen an diesem Tag mit einem geradezu unglaublichen Vorsprung gewann: Der Zweitplatzierte erreichte Sanremo erst rund 14 Minuten nach ihm.

 

 

Der Radioreporter Nicolò Carosio kommentierte Coppis einsame Ankunft mit einem Satz, der in die Geschichte des italienischen Radsports einging:

„Primo Fausto Coppi… e in attesa degli altri concorrenti trasmettiamo musica da ballo.“

Sinngemäß: Fausto Coppi ist Erster – und während wir auf die übrigen Fahrer warten, spielen wir Tanzmusik.

Vielleicht schmeckt ein Espresso im Piccardo ein wenig anders, wenn man diese Geschichte kennt.

Ein Platz für eine kleine Pause in Imperia

Das Caffè Piccardo liegt an der Piazza Dante 2, direkt unter den Arkaden im Zentrum von Oneglia. Es ist ein guter Ausgangspunkt für einen Bummel durch die Via Bonfante, über die Märkte und weiter hinunter zum Hafen.

Man kann hier natürlich einfach einen Kaffee trinken. Doch eigentlich lohnt es sich, etwas länger zu bleiben, die alten Holzvertäfelungen, Spiegel und historischen Fotografien zu betrachten und sich vorzustellen, wie viele Menschen im Laufe der Jahrzehnte an diesem Ort ein- und ausgegangen sind.

 

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