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12.10.26

Wandern mit Kindern in Ligurien: Von Valloria nach Tavole

 

Bemalte Türen, versteckte Kunstwerke, verwunschene Gassen und ein alter Waldweg, der zwei der schönsten kleinen Dörfer im Hinterland von Imperia verbindet. Unsere Wanderung von Valloria nach Tavole war ein Ausflug, bei dem vor allem die Kinder auf ihre Kosten kamen. Und das Mittagessen in einer ehemaligen Dorfbühne war eine ganz besondere Entdeckung.

Valloria: Schon der Anfang ist ein kleines Abenteuer

Eigentlich wollen wir wandern. Aber zunächst kommen wir kaum vom Fleck.

In Valloria, einem kleinen Dorf oberhalb des Prino-Tals, gibt es so viel zu entdecken, dass die Kinder am liebsten jede Gasse einzeln erkunden möchten. An einer alten Steinmauer lehnt ein verrostetes Fahrrad, das inzwischen von Pflanzen umrankt ist. Ein paar Schritte weiter hängt ein Kronleuchter mit leuchtend roten Lampenschirmen an einer verwitterten Hauswand. Dazwischen führen schmale Treppen unter steinernen Bögen hindurch, vorbei an bepflanzten Nischen, Bildern und allerlei kuriosen Gegenständen.

Überall gibt es etwas zu bestaunen. Und immer wieder hören wir: „Schau mal, was ich gefunden habe!“

Valloria ist vor allem für seine bemalten Türen bekannt. Künstler haben die alten Haustüren des Dorfes mit ihren Bildern in kleine Kunstwerke verwandelt, sodass beim Spaziergang durch die Gassen eine regelrechte Freiluftgalerie entsteht. Doch mindestens genauso reizvoll sind die vielen improvisierten Dekorationen und liebevollen Details, die dem Ort seinen ganz eigenen Charakter verleihen.

Ein altes Weinfass wird zum Tisch, Bücher stehen auf einfachen Holzregalen unter einem Gewölbe, historische Fotografien erinnern an das frühere Dorfleben. Man merkt schnell, dass hier nicht alles für Besucher inszeniert wurde. Vieles scheint einfach über die Jahre gewachsen zu sein.

Gerade Kinder haben für solche Orte ein wunderbares Gespür. Sie entdecken Kleinigkeiten, an denen Erwachsene achtlos vorbeigehen würden, und machen aus einem gewöhnlichen Dorfspaziergang ganz nebenbei eine Schatzsuche.

Auf alten Maultierpfaden durch den Wald

Irgendwann schaffen wir es dann doch, Valloria hinter uns zu lassen.

Unser Ziel ist Tavole, das nächste kleine Bergdorf. Zwischen den beiden Orten verlaufen alte Wege, die früher von den Dorfbewohnern und ihren Maultieren genutzt wurden. Wir entscheiden uns für die kürzere Verbindung durch den Wald.

Schon bald verschwinden die Häuser hinter uns. Der Weg führt durch Olivenhaine, zwischen alten Trockenmauern hindurch und schließlich in den Schatten der Bäume. Hier ist es stiller als unten an der Küste. Man hört das Rascheln der Blätter, hin und wieder einen Vogel und natürlich die Kinder, die sich gegenseitig ihre Entdeckungen zeigen.

Mal liegen größere Steine auf dem Weg, mal wird der Pfad schmaler. Zwischen den Mauern wachsen wilde Pflanzen, kleine Eidechsen huschen davon, und ab und zu gibt der Wald den Blick auf die gegenüberliegenden Berghänge frei.

Besonders schön ist die Landschaft rund um das Prino-Tal. Olivenhaine ziehen sich über die Hänge, kleine Dörfer sitzen wie helle Inseln zwischen den grünen Hügeln, und in der Ferne erkennt man die Kirchtürme.

Es ist keine Wanderung, bei der man ständig auf die Uhr schauen möchte. Viel schöner ist es, zwischendurch stehen zu bleiben, die Aussicht zu genießen oder den Kindern Zeit zu lassen, einen besonders interessanten Stein zu untersuchen.

Tavole: Ein Dorf zum Staunen und Herumstreifen

In Tavole angekommen, beginnt die nächste Entdeckungstour.

Das kleine Dorf liegt eingebettet in die Hügellandschaft oberhalb von Prelà und hat sich viel von seinem ursprünglichen Charakter bewahrt. Alte Natursteinhäuser stehen dicht beieinander, steile Treppen verbinden die verschiedenen Ebenen, und immer wieder führen gewölbte Durchgänge unter den Häusern hindurch.

Nichts wirkt glatt oder herausgeputzt. Das Mauerwerk ist unregelmäßig, die Steine sind vom Wetter gezeichnet, und hinter manchen alten Holztüren scheint die Zeit ein wenig langsamer vergangen zu sein.

Besonders schön ist die helle Fassade der Pfarrkirche Santissima Annunziata mit ihrem Glockenturm. Sie bildet einen reizvollen Kontrast zu den schlichten Natursteinhäusern des Ortes.

Hier lohnt sich ein kleiner Spaziergang, bevor man sich zum Mittagessen niederlässt.

Mittagessen in der Osteria al Teatro: Wo früher Theater gespielt wurde

Nach unserer Wanderung freuen wir uns auf das Mittagessen in der Osteria al Teatro. Und hinter diesem Namen verbirgt sich eine überraschende Geschichte.

Kaum zu glauben, aber Tavole hatte einmal ein eigenes Theater! 

Im Jahr 1861 beschlossen die Gemeindeväter, mitten im Dorf ein Gebäude zu errichten, das gleichzeitig Rathaus, Grundschule und Theater beherbergen sollte. Zwei Jahre später war es fertig.

1890 entstand im Erdgeschoss ein richtiges kleines Theater mit Bühne, Zuschauerraum und sogar einer Reihe von Logen. Rund 200 Menschen fanden hier Platz. Wenn man bedenkt, wie klein Tavole heute ist, kann man sich lebhaft vorstellen, welche Bedeutung dieser Ort damals für das Dorfleben gehabt haben muss.

Die Schauspieler waren keine angereisten Theaterstars, sondern Menschen aus der Umgebung, die gemeinsam Stücke einstudierten und aufführten. Später erlebte das Theater wechselvolle Zeiten. Während des Ersten Weltkriegs wurde der Saal anderweitig genutzt, in den späten 1920er Jahren kehrte das Theaterleben noch einmal zurück. 1935 fiel schließlich der letzte Vorhang.

Die älteren Dorfbewohner nennen das Gebäude bis heute liebevoll „U teatru“.

Und genau dort, wo früher gespielt, gelacht und applaudiert wurde, befindet sich heute die Osteria al Teatro.

Wir sitzen draußen auf der Terrasse und lassen es uns gutgehen. Auf den Tisch kommt unter anderem hausgemachte Ravioli und  langsam geschmortes Wildschweingulasch, dazu gebratene Zucchini. Eine wunderbare Belohnung nach der Wanderung.

Während wir essen, stelle ich mir vor, wie hier vor über hundert Jahren die Dorfbewohner zu einer Theateraufführung zusammenkamen. Wie aufgeregt die Laienschauspieler wohl waren? Und wie voll der Saal gewesen sein muss, wenn das ganze Dorf mitfieberte?

Heute wird hier nicht mehr Theater gespielt, aber ein Ort der Begegnung ist das Gebäude geblieben.

Und das gefällt mir besonders an diesen kleinen ligurischen Dörfern: Hinter einer ganz gewöhnlichen Tür verbirgt sich manchmal eine Geschichte, die man niemals vermutet hätte.

Zurück nach Valloria

Nach dem Mittagessen machen wir uns wieder auf den Weg.

Wir nehmen denselben alten Waldpfad zurück nach Valloria. Was auf dem Hinweg noch neu und unbekannt war, kommt uns jetzt schon ein wenig vertraut vor. Und trotzdem entdeckt man beim Zurücklaufen immer wieder Dinge, die man zuvor übersehen hat.

Der Rückweg gehört für die Kinder genauso zum Erlebnis. Es gibt noch einmal Gelegenheit, unter den Bäumen zu laufen, kleine Pausen einzulegen und die Landschaft aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Als wir schließlich Valloria wieder erreichen, haben wir einen ganzen Tag voller Eindrücke gesammelt, ohne eine einzige große Sehenswürdigkeit besucht zu haben.

Ein paar bemalte Türen, ein rostiges Fahrrad, geheimnisvolle alte Gassen, ein schöner Weg durch den Wald und ein ausgiebiges Mittagessen. Mehr braucht es manchmal gar nicht.

Zwei Wanderungen ab Valloria

Wer von Valloria aus wandern möchte, hat verschiedene Möglichkeiten.

Für einen Ausflug mit Kindern gefällt uns die kürzere Verbindung durch den Wald nach Tavole besonders gut. Sie lässt genügend Zeit, beide Dörfer zu erkunden und unterwegs Pausen einzulegen.

Wer eine längere und anspruchsvollere Wanderung unternehmen möchte, kann die Route über Santa Marta wählen. Sie führt durch die abwechslungsreiche Berglandschaft oberhalb des Prino-Tals und eignet sich eher für Wanderer, die einen ganzen Tag unterwegs sein möchten.

Beide Varianten zeigen eine Seite Liguriens, die vielen Urlaubern verborgen bleibt. Nur wenige Kilometer vom Meer entfernt findet man hier Wälder, alte Saumpfade und kleine Bergdörfer, in denen das Leben noch immer einen anderen Rhythmus hat.

Praktische Tipps für die Wanderung von Valloria nach Tavole

Start und Ziel: Valloria, Gemeinde Prelà, im Hinterland von Imperia.

Tour: Von Valloria auf dem kürzeren Waldweg nach Tavole und auf demselben Weg zurück. Es handelt sich um eine Wanderung auf gleicher Hin- und Rückstrecke.

Parken: Am Dorfrand von Valloria auf einer geeigneten öffentlichen Parkfläche. Die historischen Gassen sind sehr eng.

Wegbeschreibung: Von Valloria durch den Wald nach Tavole

Die Wanderung beginnt auf dem Kirchplatz von Valloria. Von dort geht es zunächst durch die oberen Gassen des Dorfes in Richtung der kleinen Kirche San Giuseppe.

Ein guter Orientierungspunkt sind die drei Brunnen (Tre Fontane). Direkt oberhalb der Brunnen führt ein alter, ansteigender Maultierpfad hinauf nach San Giuseppe.

An der Kirche angekommen, halten wir uns rechts und folgen dem Weg noch ungefähr 200 Meter. Anschließend zweigt links der alte Fußweg in Richtung Madonna del Piano ab.

Nun beginnt der besonders schöne Teil der Wanderung. Der stellenweise gepflasterte Pfad führt durch einen schattigen Steineichenwald, teilweise zwischen hohen, alten Trockenmauern hindurch.

Unterwegs kommt eine Weggabelung, an der die längere Wanderroute nach Santa Marta bergauf abzweigt. Für die kürzere Wanderung nach Tavole bleiben wir auf der Verbindung in Richtung Madonna del Piano und folgen nicht dem Anstieg nach Santa Marta.

Die kleine Wallfahrtskirche Madonna del Piano ist ein weiterer wichtiger Orientierungspunkt. Von hier führt die Verbindung über die Umgebung des Ortsteils Novelli weiter nach Tavole.

Nach dem Spaziergang durch Tavole und unserer Mittagspause in der Osteria al Teatro kehren wir auf demselben Weg über Madonna del Piano und San Giuseppe nach Valloria zurück.

 

Wichtig: Die auf Google Maps angezeigte Straßenverbindung zwischen Valloria und Tavole entspricht nicht dem alten Wanderweg. Zur Orientierung eignen sich die offiziellen    Wanderbeschreibungen der Gemeinde Prelà und eine Wanderkarte mit eingezeichneten Fußwegen besser.   zur Wanderkarte der Gemeinde Prela 

Schwierigkeit: Die Wege sind teilweise steinig und uneben. Kinder sollten bereits einigermaßen trittsicher sein. Für Kinderwagen ist die Strecke nicht geeignet.

Beste Jahreszeit: Besonders schön sind Frühling und Herbst. Im Sommer empfiehlt sich ein früher Start, auch wenn Teile der Wanderung angenehm schattig sind.

Einkehr: Osteria al Teatro, Piazza SS. Annunziata 8, Tavole. Dienstag Ruhetag Eine vorherige Reservierung ist empfehlenswert. +39 0183 754468

Mitnehmen: Feste Schuhe, ausreichend Trinkwasser und ein wenig Zeit für ungeplante Entdeckungen.

Unser Tipp: Plant nicht nur die reine Wanderzeit ein. Gerade Valloria mit seinen bemalten Türen und Tavole mit seinen alten Gassen verdienen einen ausgiebigen Spaziergang.   

Warum uns diese Wanderung so gut gefallen hat:

Es sind nicht die großen Ausflugsziele, an die sich Kinder später besonders gern erinnern.

Manchmal ist es ein ungewöhnliches Fahrrad in einer alten Mauer. Ein geheimnisvoller Durchgang. Ein Stück Wald, in dem man ganz viele Dinge entdecken kann. Oder ein gemeinsames Mittagessen nach einer Wanderung, bei dem alle besonders großen Hunger haben.

Valloria und Tavole sind für uns genau solche Orte.

Wer mit Kindern Urlaub in Ligurien macht und einmal etwas anderes als Strand und Meer erleben möchte, sollte sich diesen kleinen Ausflug ins Hinterland von Imperia unbedingt vormerken.

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